Die Erdbeeren auf dem Thurgauischen Sunnehof wachsen auf Substraten in 1,20 Meter Höhe. (mg)

Er hatte sich geschworen, den elterlichen Hof nicht zu übernehmen. „Wann immer wir am Wochenende Zuhause waren, mussten meine Eltern arbeiten“, so Matthias Müller. „Das wollte ich mir nicht antun.“ Heute ist er Betriebsleiter vom Sunnehof in Steinebrunn TG und in der Saisonspitze Chef von 140 Mitarbeitern.

Schon von Weitem ist der Beerenhof der Familie Müller zu sehen. Die Folientunnels erstrecken sich auf 14 Hektaren. Von der Hauptstrasse aus sichtbar, lösen sie bei manchen Leuten ein Kopfschütteln aus. „Gerne möchte ich möglichst vielen Leuten zeigen, wie wir mit unseren Anlagen im Gegensatz zum herkömmlichen Anbau viel ressourcenfreundlicher produzieren können“, meint Matthias Müller. Er ist sich bewusst, dass auch viele Leute den Hors-Sol-Anbau seiner Erdbeeren missbilligen. Er verwendet daher lieber den Begriff Substratkultur. „Dass ich dank meiner Anbauweise enorm Pflanzenschutzmittel sparen kann, wissen leider die wenigsten“, bedauert Matthias Müller.

Möglichst ressourceneffizient

Bei diesem Anbau werden die Erdbeeren in einem Substrat angebaut, das an Geranienerde erinnert. Das natürliche Material besteht hauptsächlich aus Holzrinde, Kokos- und Holzfasern. Das System kann mit einer Topf-Pflanze in der Wohnung verglichen werden. „Viele Leute lehnen Hors-Sol rigoros ab. Dabei ist es nichts anderes als die Geranien, die sie auf dem Balkon haben. Auch diese sind bodenunabhängig gepflanzt. Sie müssen bewässert werden und man gibt ihnen Dünger, damit sie möglichst schön gedeihen“, erzählt der Betriebsleiter.

Per Tröpfchenbewässerung wird die Pflanze bewässert und jeweils am Nachmittag erhält sie etwas Dünger. „Im Sommer erhält die Pflanze tagsüber nur Wasser. Erst wenn es etwas kühler wird in der Anlage mischen wir Dünger rein“, so Müller weiter. Alles überschüssige Wasser wird gesammelt und wieder in den Kreislauf eingespiesen, nachdem es im betriebseigenen Sandfilter von allfälligen Pilzspuren gereinigt wurde. „Mit der Tröpfchenbewässerung kann ich bereits 75 Prozent Wasser sparen. Das Konzept der Wiederaufbereitung hilft mir, den Wasserverbrauch nochmals zu reduzieren.“

Nützlinge gegen Schädlinge

Auf dem Hof werden kaum Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Wann immer möglich, setzt Müller auf Nützlinge. „Gegen Spinnmilben und Thripse setzen wir Raubmilben ein, gegen Läuse wirken Schlupfwespen“, so der Betriebsleiter. Synthetische Pflanzenschutzmittel sehe er als „Feuerwehrmassnahme“, die er nur benötige, wenn alle anderen Massnahmen nicht griffen. Er fürchtet sich bei zu hohem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln vor Resistenzen. Obwohl Pilzbefall bei seiner Anbauweise kein grosses Problem sei, setze er auch da auf möglichst umweltfreundliche Methoden. „Ich verwende Kalium-Karbonat, das in der Küche als Triebmittel eingesetzt wird. Und ich stärke meine Pflanzen im Vornherein mit einem Algen-Präparat, sodass sie weniger krankheitsanfällig sind“, so der Betriebsleiter. Er wolle seine wichtigen Helfer, die Bienen und Hummeln, nicht durch Pestizide verlieren.

Mit einer Lupe prüft Matthias Müller den Spinnmilbenbefall seiner Erdbeerpflanzen. (mg)

Keine Rückenschmerzen dank Pioniergeist

18 Prozent der Schweizer Erdbeeren werden als Substrat-Kultur angebaut, wie Zahlen des Schweizer Obstverbandes zeigen. Entweder auf dem Boden oder auf etwa 1,20 Meter Höhe. Wie auf dem Sunnehof von Matthias Müller. Sein Vater war ein Pionier und hat die ersten Erdbeeren bereits 1993 auf 1,20 Meter Höhe angebaut. 2013 hat Matthias dann das letzte Feld vom konventionellen Anbau auf dem Feld in luftige Höhe versetzt. Eine lange Prozedur: „Es waren grosse Investitionen. Wir mussten uns also sicher sein, dass die Anbauweise auch wirklich auf unseren Hof passt“, so Müller. Vor allem die Arbeiter freuts. Das Ablesen auf Brusthöhe sei viel schonender für den Körper, Rückenschmerzen seien heute passé, so eine Mitarbeiterin.

Geschmacklich kein Unterschied

Die Erdbeeren werden vor allem vom lokalen Obsthändler abgeholt, der an die grossen Detailhändler liefert. Etwa 5 Prozent der knapp 200 Tonnen werden im neuen Hofladen angeboten. Dabei weiss Müller, worauf es ankommt. „Ich habe vor meiner Ausbildung zum Gemüsebauer im Detailhandel gearbeitet und kenne die Kundenbedürfnisse.“ Im Laden bietet er eine vielfältige Produktpalette an. Beeren-Balsamico, gefrorenes Früchtepüree, Himbeersenf, Schaumweine und vieles mehr wird verkauft. Im Hofcafé kann sich verpflegen, wer durstig ist oder ganz einfach den Hofladen geniessen will, der zu den schönsten zehn in der Schweiz gehört.

Geschmacklich unterscheide sich eine Erdbeere aus Substrat-Produktion nicht von einer herkömmlich produzierten Erdbeere. „Ich kann aber dank der Überdachung bereits früh Erdbeeren anbieten“, so der Obstproduzent. Dabei setzt er auch auf beliebte Sorten, wie die Mara de Bois, die an eine Walderdbeere erinnert. Seine Investitionen waren teuer, das spürt der Konsument auch an den Preisen bei den frischen Erdbeeren. „Dafür erhält man hier ein Produkt, für deren Herstellung wenig Ressourcen benötigt wurden und unter fairen Arbeitsbedingungen hier hergestellt wurde.“