Aufmerksam hören die Flüchtlinge zu, als Frau Karin Oesch von den Arbeitsbedingungen in der Schweizer Landwirtschaft erzählt. Foto: Melina Gerhard/LID

Viele Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen haben auch nach fünf Jahren keinen Anschluss an die Gesellschaft gefunden und sind von der Sozialhilfe abhängig. Gleichzeitig klagen Landwirte vermehrt über den Arbeitskräftemangel. Der Berner Bauernverband will Abhilfe schaffen und lud Flüchtlinge zu einem „Schnupper-Nachmittag“ auf einem Gemüsebetrieb ein.

„In der Schweiz wird so viel gearbeitet, das können Sie sich gar nicht vorstellen“, tönt eine klare Frauenstimme durch den Saal. Rund 15 Flüchtlinge, vorwiegend Eritreer, schauen die Frau nachdenklich an. Es ist Karin Oesch, Beauftragte für Bildung beim Berner Bauernverband, die der versammelten Gruppe die Arbeitswelt in der Schweiz vorstellt. Sie kommt auf den Punkt: „Wer möchte in der Landwirtschaft schnuppern?“, fragt sie und ein paar Hände werden zögerlich in die Luft gestreckt. Im Tagungszimmer der Bösiger Gemüsekulturen AG in Niederbipp haben sie sich versammelt. Organisatoren vom Berner Bauernverband, Gastgeber Beat Bösiger und die Flüchtlinge mit ihren Betreuern von Caritas. An diesem Nachmittag sollen die eingeladenen jungen Männer einen Einblick in die Landwirtschaft erhalten. Sie sollen sehen, ob sie sich die Arbeit auf einem Betrieb vorstellen könnten.

Mangel an Arbeitskräften: Die Flüchtlinge sollen’s richten

Bösiger sagt, dass er mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen hat: „Es wird immer schwieriger, gute Leute für die Arbeit zu motivieren. Aber wir sind auf alle angewiesen – ganz egal ob aus Polen, Portugal, Osteuropa oder eben Eritrea und Afghanistan“, so der Geschäftsführer des großen Gemüseunternehmens, das in Spitzenzeiten rund 160 Menschen beschäftigt. Gerade weil der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wohl in Zukunft noch weiter begrenzt werde, habe die manuelle Unkrautbekämpfung wieder an Bedeutung gewonnen. Dafür brauche man aber Arbeitskräfte.

Da stimmt Mathias Grünig zu, Leiter Personaldienstleistungen beim Berner Bauernverband: „30 bis 40 Landwirte warten auf Arbeitskräfte – und das alleine im Kanton Bern.“ Besonders die Gemüse- und Obstbetriebe, die viel Handarbeit erfordern, würden nach Arbeitskräften suchen. Zudem betrug die Sozialhilfequote für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene 2016 laut Bundesamt für Statistik 85 Prozent.

Teil der Lösung

Zur Lösung dieses Problems beitragen will nun also der Berner Bauernverband. Auf dem Hof von Bösiger erklärt Karin Oesch die Vorteile der Integrationsvorlehre INVOL (siehe Textbox). In einem Jahr könne man die Sprache verbessern, sich an die Schweizer Arbeitswelt gewöhnen und Fachkenntnisse in einem Beruf erwerben. Zwei Tage pro Woche gehe man zur Schule, drei Tage arbeite man auf einem Hof. Die Wochenenden seien frei. Oesch kennt die kulturellen Hürden, die zu überwinden sind. Erklärt den Anwesenden, dass man auf dem Hof eng mit der Familie zusammenlebt. „Die Landwirtschaft ist sehr sozial. Man wird euch mit offenen Armen empfangen. Es wird schwierige Situationen geben, aber sie können unheimlich viel profitieren.“ Die Vorlehre sei ein nächster Schritt in Richtung Schweiz. In der Regel erhalten die Teilnehmer des INVOL-Programms 90 Prozent des Lohns im ersten Lehrjahr der angestrebten beruflichen Grundbildung.

Integrationsvorlehre INVOL
Das Pilotprogramm des Bundes bereitet anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen branchenspezifisch auf den Einstieg in eine berufliche Grundbildung vor. In einem Jahr sollen die Lernenden ihre Deutschkenntnisse verbessern und kulturelle sowie berufsfeldbezogene Kompetenzen erarbeiten. Ziel ist eine schnellere Erwerbsintegration. Das vierjährige Pilotprojekt startete 2018 und richtet sich an junge Menschen zwischen 18-25 Jahren mit Deutsch-Mindestniveau A2, die eine geeignete Vorbildung oder Berufserfahrung mitbringen.
Betriebsleiter Beat Bösiger ist zufrieden mit der Qualität der Gurken. Foto: Melina Gerhard/LID

Sprache als Schlüssel zur Gesellschaft

Wer sich nach der Vorlehre im landwirtschaftlichen Bereich weiterbilden will, kann eine Lehre als Agrarpraktiker in der Landwirtschaft anhängen. Der mit dem Berufszertifikat verbundene höhere Lohn sei verlockend, der Weg dorthin aber nicht ganz einfach.

„Sie sind einer von vielen“, so Karin Oesch und appelliert an die jungen Männer, „die grössten Chance haben Sie, wenn Sie möglichst schnell die Sprache beherrschen.“ Denn obwohl die Männer bereits seit vier bis fünf Jahren in der Schweiz sind, bereitet vielen von ihnen die deutsche Sprache noch immer Schwierigkeiten. Der 32-jährige Jonas, der bereits gut deutsch spricht, muss gelegentlich für seine Kollegen übersetzen, was Oesch erzählt. Auch wenn die Sprachbarriere für den Landwirten anfangs eine Hürde darstellen könne, sei es wichtig, dass man den Flüchtlingen eine Chance gebe. „Schliesslich werden sich die Leute dank der Schule und dem Umgang mit der heimischen Bevölkerung sprachlich noch vertiefen im INVOL-Jahr“, so Mathias Grünig.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Assan Mohammed mag besonders das Klima aber auch die Arbeit im Gewächshaus. Foto: Melina Gerhard/LID

Dem Eritreer Assan Mohammed jedenfalls gefällt die Arbeit im Gewächshaus. Beim Ausdünnen der Gurken erzählt er, dass er zuhause auch in der Landwirtschaft tätig war. „Ich habe Mais gepflanzt und Kühe gehalten. Mit Gemüse habe ich zwar noch nie gearbeitet, aber ich mag die Tätigkeit und könnte mir gut vorstellen, in diesem Bereich die Integrationsvorlehre zu starten“, so der 34-jährige. Er sei glücklich, die Chance erhalten zu haben, auf einem Gemüsebetrieb schnuppern zu können.

Genau darum gehe es dem Berner Bauerverband. „Wir möchten den Flüchtlingen hier zeigen, was sie erwartet. Dann können sie entscheiden, ob sie interessiert sind oder nicht“, so der Präsident Hans-Jörg Rüegsegger. Bereits im letzten August habe man mit 12 Flüchtlingen ein Pilotprojekt gestartet, und 10 davon seien kurz davor, das INVOL-Jahr abzuschliessen. Rüegsegger vermutet den Grund der erfolgreichen Quote in der guten Arbeit der Berner Bauern. „Im Vergleich zu anderen Berufsgattungen werden die Arbeitnehmer auf den Höfen gut betreut“, so der Präsident. Für ihn ist klar, dass die Aktion zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. „Das Projekt rettet die Berner Landwirtschaft nicht, aber es ist ein Anfang.“