Bild: Iva Balk (pb)

Die Europäische Union hat bestätigt, dass der Verkauf des weit verbreiteten Insektizids Chlorpyrifos nach dem 31. Januar 2020 nicht mehr gestattet ist.

In einem Votum des Regelungsausschusses vom 6. Dezember 2019 haben die EU-Länder den Entzug der Zulassung für Chlorpyrifos und den verwandten Stoff Chlorpyrifos-Methyl befürwortet, die als mögliche Ursache für neurologische Schäden bei Kindern identifiziert wurden.

Der Schritt wurde erwartet, nachdem die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die eine Risikobewertung für Pestizide durchführt, im August feststellte, dass für Chlorpyrifos, das in großem Umfang für Obst, Mais und andere Kulturen verwendet wird, keine sichere Exposition besteht.

Das Verbot gilt auch für Corteva Agriscience, Adama Agriculture BV und Sapec Agro SA, die die erneute Zulassung von Chlorpyrifos beantragt haben. Die Europäische Kommission, die Exekutive der EU, die das Verbot formell abschließen wird, begrüßte die Entscheidung des Ausschusses.

Chlorpyrifos, das im Obstanbau und besonders bei Zitrusfrüchten eingesetzt wird, darf in Deutschland und in sieben anderen EU-Ländern bereits seit einigen Jahren nicht mehr verwendet werden. Auch in den USA sind chemische Hersteller bereit, ab 2020 den Verkauf von Chlorpyrifos einzustellen, im US-Bundesstaat Kalifornien wurde es bereits verboten.

Jedoch bedarf es wohl noch einen Abgleich zwischen der Europäischen Lebensmittelagentur (EFSA) in Bezug auf Pestizide und der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde (EPA) sowie der australischen Behörde für Pestizide und Tierarzneimittel (APVMA). Die EPA erklärte bereits im Juli, dass Daten, die Einwände gegen den Einsatz des Pestizids stützen, „nicht ausreichend gültig, vollständig oder zuverlässig sind“.

Stimmen zum Beschluss

Umweltverbände sagen jedoch, dass die Beweise, die ein Verbot von Chlorpyrifos rechtfertigen, überwältigend sind, da sie sich auf die Entwicklung der Kinder auswirken.

Genon K. Jensen, Exekutivdirektor der Health and Environment Alliance (HEAL), sagte: „Das Verbot beider Formen von Chlorpyrifos ist ein großer Gewinn für die gesunde Entwicklung der heutigen Kinder und künftiger Generationen. Die jahrzehntelange Exposition gegenüber diesen Stoffen und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Entwicklung des Nervensystems können wir zwar nicht abbauen, aber die neue Kommission kann sicherstellen, dass dies bei anderen Stoffen nicht weiterhin der Fall ist, indem sie sich verpflichtet, die Abhängigkeit Europas von Pestiziden zu verringern und verbleibende Lücken bei der Bewertung zu schließen Prozesse. “

Angeliki Lyssimachou, wissenschaftliche Referentin beim Pesticide Action Network Europe, sagte: „Wir gratulieren der Kommission und den Mitgliedstaaten heute, dass sie die menschliche Gesundheit, insbesondere die unserer Kinder, über die Interessen der Industrie und den privaten Profit stellen. Es bedurfte zahlreicher Beweise, die belegen, dass Chlorpyrifos-Insektizide bei Kindern eine Gehirntoxizität hervorrufen können, und die die Europäische Kommission aufforderte, ein Verbot vorzuschlagen. Die Mitgliedstaaten, die dagegen stimmen, hätten die europäischen Bürger in völliger Verzweiflung zurückgelassen.“

Nabil Berbour, Kampagnenmanager bei SumOfUs, sagte: „Dies ist ein großer Gewinn für die Gesundheit der europäischen Bürger, die sich zunehmend Sorgen über gefährliche Pestizide machen, die sie auf ihren Tellern finden. Wir hoffen, dass die Entscheidungsträger der EU diese große Besorgnis zur Kenntnis nehmen und alles daran setzen, die Abhängigkeit der EU von giftigen Pestiziden zu verringern. Die EU ist der größte Binnenmarkt der Welt und die mächtigste Handelsmacht. Wir hoffen, dass dieses Verbot den Weg für andere Verbote in anderen Teilen der Welt ebnet. Die Mitglieder von SumOfU werden weiterhin dafür kämpfen. “

Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen: „Das Chlorpyrifos-Verbot ist längst überfällig. Zitrusfrüchte und alle anderen Lebensmittel müssen endlich frei von diesem hirnschädigenden Nervengift sein. Chlorpyrifos hätte niemals eine EU-Zulassung bekommen dürfen, denn die Hinweise auf seine Gefahren lagen damals schon vor, wurden aber von den Zulassungsbehörden ,übersehen‘. Das zeigt erneut, dass wir eine umfassende Reform hin zu wirklich herstellerunabhängigen Pestizid-Zulassungsverfahren brauchen.

Es ist bezeichnend, dass Agrarministerin Klöckner auch in diesem Fall wie schon bei den Bienengiften erst in allerletzter Minute von den Blockierern ins Lager der Verbots-Befürworter gewechselt ist. Noch vor einem Jahr stimmte sie einer Chlorpyrifos-Zulassungsverlängerung zu, noch vor wenigen Wochen wollte sie sich auf unsere Anfrage nicht auf das Verbot festlegen, obwohl die EU-Behörden es längst empfohlen hatten. Nächster Schritt muss nun ein EU-weites Importverbot für Mandarinen, Orangen und andere Lebensmittel mit Chlorpyrifos-Rückständen sein.

Wenn Klöckner es wirklich ernst meint, muss Deutschland sich jetzt auch für einen globalen Bann des Gifts einsetzen. Chlorpyrifos gehört schleunigst auf die ,POP-Liste‘ der Stockholm Convention mit weltweit geächteten Chemikalien. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das Gift für die POP-Liste nominiert wird. Denn das Nervengift wurde sogar schon im arktischen Eis nachgewiesen, weitab aller Einsatzorte. Das belegt, dass Chlorpyrifos sich langfristig in der Umwelt anreichert und damit zu den persistenten organischen Schadstoffen (persistent organic pollutants, kurz POP) gehört.“